Lange Zeit habe ich geglaubt, Wuppertal bestehe nur aus Bahnhöfen,
aneinandergereiht, um die Lokomotivführer nicht übermütig werden zu
lassen, sie das Bremsen, Anfahren, Bremsen zu lehren; diese lange
Schlucht, dicht bebaut, von der Eisenbahn aus betrachtet unwirklich,
schien für den Zweck gut gewählt: die dunklen Häuser oberhalb des
Bahnkörpers, die phantastische Schwebebahn waren wenig geeignet, dem
kindlichen Gemüt diesen Alptraum der Enge als wirkliche Stadt erscheinen
zu lassen. Während des Krieges steigerte die Verdunkelung den Eindruck
des Grandios-Unglaubwürdigen, das Respekt und Furcht einflößte, in
seiner Geschlossenheit so künstlich wirkte, daß ich die winkenden Kinder
auf einer Brücke für bestellt hielt, bestellt, dieser Eisenbahnschlucht
den Kredit der Wahrscheinlichkeit zu beschaffen; auf die Gefahr, einem
Trick zu erliegen, winkte ich zurück.
Als ich zum ersten Mal in Wuppertal ausstieg, inzwischen erwachsen und
doch noch nicht ganz vom Vorhandensein dieser Stadt überzeugt, war ich
froh, dass ich wirklich gewunken hatte. Die Stadt nahm überschaubare
Dimensionen an: die Wupper war wirklich da, Kirchen, Straßen, alles,
besonders der noch leicht heimatlich klingende Dialekt wirkte
ernüchternd, nichts weniger als künstlich: ungeschminkt. Wuppertal
schminkt sich nicht, und das ist — wie bei Frauen, die es sich leisten
können, ungeschminkt zu gehen — wohltuend und enttäuschend zugleich.
Spät, manchmal nie, entdeckt der Ortsfremde die Hintergründe dieser
ungeschminkten Stadt: Privatsammlungen, die das Museum mancher Stadt zu
einer Sensation machen würden, Bibliotheken voller Kostbarkeiten. Die
Kunst übt eine starke Anziehungskraft auf die Stadt aus, die Stadt
weniger auf die Kunst. In den Privatsammlungen herrscht Tempelstimmung —
ein Gegensatz zu der ernsten, so fleißigen Stadt da draußen, deren
Arbeitstempo selbst den tiefsten Träumer ernüchtert. Andere Städte,
deren Industrien nicht patriarchalischen Ursprungs sind, haben diese
heftige Beziehung zur Kunst nicht. Wuppertal ist von Untenehmen gemacht,
nicht von anonymen Gesellschaften, deren Aktionäre irgendwo
schnippelten, ohne auch nur den Bahnhof des Ortes zu kennen, aus dem das
Geld zu ihnen floss. Diese Unmittelbarkeit ist in Wuppertal bis heute zu
spüren, sie gibt der Stadt, mag sie auch der großbürgerlichen Ära
entwachsen sein, ihren Stil. Wo nicht geschminkt wird, wird auch nicht
geschmeichelt, und ich könnte mir denken, daß Diplomatie nicht gerade
die Stärke der Wuppertaler ist. Wenn man eine unangenehme Wahrheit nicht
aussprechen möchte, würde man sich dort wohl eher auf die Zunge beißen,
als es auf die glattzüngige Art zu versuchen.
Es wäre anmaßend, in einem so kurzen Vorwort alle
Vorzüge und Nachteile einer Stadt auch nur annähernd erklären zu wollen:
etwa das ABC der Sekten und Religionsgemeinschaften aufzuzählen, von den
„Adamiten" bis zu den „Wiedertäufern", das Wuppertal zu einem Katalog
der religiösen Gruppen macht. So unterschiedliche Geister wie Claire
Schlichting und Ernst Bertram, Rudolf Herzog und Eise
Lasker-Schüler entstammen der Stadt; Kolping gründete hier den Gesellen
verein, und die „Barmer Erklärung" wurde auf der ersten Synode der
Bekennenden Kirche hier formuliert. Die beiden großen Friedriche des 19.
Jahrhunderts: Engels und Bayer, beide Mitbegründer großer Mächte, des
Marxismus und der chemischen Industrie, stammen aus dieser engen
Schlucht, die so verwirrend viele Bahnhöfe hat. Je tiefer man in die
Stadt eindringt, auf die grünen Höhen zu, die der Stadt einen so
eindrucksvollen, ja versöhnenden Rahmen geben, desto unwirklicher wird
die Bahn da unten, die dem kindlichen Gemüt als das einzig Vorhandene
erschien; ob der einigermaßen Erwachsene fähig wäre, die komplizierte
Urbanität dieser Stadt, ihre Gegensätze darzustellen, bleibt
zweifelhaft; so mag es dem Ortsfremden gestattet sein, Klagen und
Enttäuschungen über diese Stadt, die er nur aus der Literatur und der
Fama kennt, zu übergehen; „der geht über die Wupper", diese Redewendung
hat im Rheintal einen düsterdrohenden Klang. Seit ich Wuppertal
kennerlernte, habe ich das Drohende dieser Redensart nicht mehr
empfinden können.